Schau mich an!

„Schau mal, Mama, was ich kann.“ Für kleine Kinder ist es wichtig, gesehen zu werden. Sie wollen, dass die Eltern sie anschauen und dass ihre Fortschritte gewürdigt werden: „Schau mal, Papa, was ich gebastelt habe.“ Im Zweifelsfall fordern sie die Aufmerksamkeit der Eltern durch dauerhaftes Quengeln ein.

Bei Mädchen schlägt das wenige Jahre später um. „Schau mal, wie schön ich bin“, strahlt dann die als Prinzessin verkleidete Vierjährige ihren Papa an. Bestätigt der Vater, wie hübsch sie aussieht, ist ihre kleine Welt in Ordnung.

Geht es auf die Pubertät zu, suchen Mädchen – und auch Jungen – fast noch mehr Bestätigung. Sie wollen wissen, wie sie ankommen, ob sie begehrenswert sind, wie ihre Chancen beim anderen Geschlecht sind. Das war zu allen Zeiten so. Allerdings hat in dieser Phase das Urteil der Clique, der Peergroup, meist ein höheres Gewicht als die Meinung der Eltern.

Erwachsenenfreie Zone

Bei einer Generation, die 80 bis 90 % ihrer Freundschaften über Medien pflegt, war es vorhersehbar, dass sich dieser Prozess auf digitale Wege verlagert. Die WhatsApp-Nachricht oder die Gruppe bei Facebook sind erwachsenenfreie Zonen. Dort fühlen sich Jugendliche unbeobachtet. Dort testen sie ihre Wirkung, probieren aus, wie weit sie gehen können.

Die Methoden, aber auch die Geschwindigkeit der Annäherung haben sich geändert. Gingen früher noch Zettelchen zwischen Jungen und Mädchen hin und her, sind es heute Textnachrichten per Smartphone oder Chatfunktion. Und Sexualität hat einen anderen Stellenwert bekommen. Fragte ein Junge früher: „Darf ich mit dir gehen?“, heißt es heute viel schneller: „Willst du mit mir Sex haben?“

Die Frage „Schickst du mir ein Foto?“ kommt meistens von jungen Männern. Hormongesteuert in der turbulenten Phase der Pubertät haben Frauenkörper für sie eine große Anziehungskraft. Im Internet muss man nicht lange klicken, um erotische Bilder zu finden. Aber dabei bleiben sie nicht stehen. Sie wollen wissen, wie die Mädchen, die sie kennen, aussehen. Manchmal tun sie dies sehr fordernd, meinen, das gehöre heute dazu.

Schau mich an!

Den ganzen Tag allein

Als junge Frau auf diese Frage „Nein“ zu sagen, den Erwartungen nicht zu entsprechen, dazu gehört ein gesundes Selbstwertgefühl. Ein Bewusstsein des eigenen Wertes, der eigenen Wertvorstellungen.

Wo lernen junge Menschen, nein zu sagen? Wie lernen sie, genau hinzuspüren, was sie wirklich suchen, was ihnen gut tut?

Lebenskompetenz entsteht durch Vorbilder und zum großen Teil durch eigene Erfahrungen. Dieses Prinzip lässt sich auf den Umgang mit Nacktfotos im Netz nicht anwenden. Zu groß ist der Schaden, zu stark geschädigt der Ruf einer jungen Frau oder eines jungen Mannes, um bei dem Thema zu sagen: Lasst sie doch ihre eigenen Erfahrungen machen. Dieses Motto früherer Elterngenerationen taugt nicht zum Umgang mit digitalen Medien.

Deshalb brauchen Heranwachsende erfahrene Begleiter in ihrem Leben, von denen sie den Umgang mit solchen Themen abschauen können. Menschen, bei denen sie wissen, dass sie angenommen und geliebt sind, auch wenn sie Fehler machen.

Leider verschwinden zu viele Eltern zu früh aus dem Alltag ihrer heranwachsenden Kinder. Während sie Kleinkinder oft überbehüten, überlassen viele schon 12-Jährige sich selbst – im realen Leben und auch im Umgang mit Medien. Väter und Mütter verschwinden in Büros, vor Bildschirmen und zu Dienstreisen. Das hat auch eine politische Komponente: Wenn wir in Deutschland über Vereinbarkeit von Erziehung und Beruf diskutieren, geht es regelmäßig nur um die Betreuung der Klein- und Vorschulkinder. Ab dem Schulalter kommen Kinder in dieser Diskussion nicht mehr vor. Dabei sind sie längst nicht alt genug, um in unserer komplexen Gesellschaft allein zurechtzukommen. Aber das ist ein anderes Thema.

Fakt ist, dass Kinder ihre Eltern brauchen – in jedem Alter. Konkrete Bedürfnisse ändern sich, aber die Begleitung der Eltern und der Wunsch, gesehen zu werden, bleiben wichtig. Ich behaupte: Wesentlich wichtiger, als sie zugeben würden. Ich höre von vielen Jugendlichen, dass ihre Eltern keine Zeit haben, schon morgens das Haus verlassen haben, wenn die Kinder aufstehen. Dass die Jugendlichen den ganzen Tag allein sind.

Von Eltern höre ich dagegen: „Von Facebook und dem Kram verstehe ich nichts. Das interessiert mich auch nicht.“ Eltern klinken sich aus: Weil sie sich mit der technischen Komponente nicht beschäftigen wollen. Weil sie nicht nachvollziehen können, was daran toll sein soll, dass man sich ständig Kurznachrichten hin und her schickt. Damit überlassen sie die Jugendlichen den Medien. Und den Vorbildern, die sie dort finden. Damit sind Jugendliche überfordert. Klar, sie können ja aus ihren eigenen Erfahrungen lernen. Aber das kann sehr böse enden.

Grenzen sind Schutz, nicht Schikane

Sobald ein Kind ins Internet geht oder ein internetfähiges Handy bekommt, sollten Eltern ihm erklären, welche Gefahren es gibt, wie der richtige Umgang mit Daten und Fotos aussieht. Zusätzlich können Jugendschutzprogramme eine Hilfe sein. Die gibt es inzwischen auch für Smartphones. Trotzdem: Frage nur ich mich, welche Gründe dafür sprechen, bereits einem Viertklässler ein Smartphone in die Hand zu drücken? Würde ein normales Handy nicht genügen?Eltern dürfen, sie sollten sogar zu manchen Dingen nein sagen. Grenzen engen nicht nur ein, sie schützen auch. Sie schützen vor den Folgen naiven Verhaltens, vor Versuchungen und Gefahren, die ein Teenager oft nicht richtig einschätzen kann. Allerdings kommt es auf den Ton und den Stil an: Bei einem Grundschulkind genügt ein klares Nein und möglicherweise eine kurze Begründung. Gegenüber einem Teenager braucht es schon konkrete Erklärungen – dafür benötigen Eltern Hintergrundwissen und Energie. Aber das lohnt sich: Wenn wir Eltern unsere Haltung begründen und dazu stehen, können junge Menschen damit umgehen. Auch wenn sie manchmal meckern.

Vor einiger Zeit diskutierte ich mit Neuntklässlern darüber, wie sie es finden, wenn Eltern Grenzen setzen. „Manchmal nervt es mich, im Nachhinein bin ich dann doch froh“, sagte ein Junge. Die meisten Klassenkameraden stimmten zu. Ein Mädchen ergänzte: „Dass die Eltern sich kümmern, zeigt mir, dass ich denen wichtig bin, dass sie mich lieb haben.“

Übrigens waren alle der 15- bis 16-Jährigen der Ansicht, ihre Eltern würden den jüngeren Geschwistern beim Medienkonsum viel zu viel erlauben!

Nehmen Sie Ihr Kind ernst!

Wie kann man bei dem heiklen Thema Sexting vorgehen? Fragen Sie nach! Ich habe meine 17-jährige Tochter angesprochen, ob sie schon einmal etwas von Sexting in der Schule mitbekommen hat. Ihre Antwort hatte ich so nicht erwartet: „Ja klar. Das läuft im Moment überall. Ganz viele Mädels lassen sich wegen der Nacktfotos unter Druck setzen.“ Es wurde ein sehr langes Gespräch. Junge Menschen wollen erzählen. Sie suchen Beziehungen. Und sie akzeptieren Eltern, die sinnvolle Grenzen setzen – aus Sorge. Auch ein Gespräch mit den Jungen ist angebracht. Mehr denn je brauchen sie Orientierung und Unterstützung, wie sie mit dem Verhalten der Clique und dem Druck, wenn sie nicht mitmachen wollen, umgehen können. Hören Sie Ihrem Sohn zu, aber seien Sie behutsam mit vorschnellen Kommentaren. Nicht alle Jungen wollen Nacktbilder sehen, das muss auch mal gesagt sein.

Selbstbewusstsein und mutiges Vertreten der eigenen Meinung fällt manches Mal auch uns Erwachsenen schwer. Wer ein Kind dazu ermutigen will, sich dem Gruppendruck nicht zu beugen und zu seiner Meinung zu stehen, erreicht dies am besten, indem er schon früh dessen Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung stärkt. Das fördern Eltern durch Interesse, Anerkennung und echte Aufmerksamkeit für das Kind. Nehmen Sie Ihr Kind ernst. Hören Sie ihm zu. Fördern Sie seine Interessen. Und: Schauen Sie Ihre Tochter und Ihren Sohn mit liebevollen Augen an!

Ellen Nieswiodek-Martin

Ellen Nieswiodek-Martin ist Redaktionsleiterin des Frauenmagazins Lydia und hat sechs, teils erwachsene Kinder. Sie hat zwei Ratgeber zum Thema Medienerziehung geschrieben.
(aus: Christliches Medienmagazin pro 1/2014, S. 10f.)

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