„Ihr könnt mein Zimmer haben“

Von einem, der Weihnachten wirklich verstand

Zu Weihnachten gehören Krippenspiele. Fast zwangsweise. Manche Leser haben sicher auch früher mal bei einem mitgespielt. Maria und Josef, die Engel, der Esel, die Hirten und Schafe, die Weisen aus dem Morgenland und natürlich die Krippe – das alles gehört dazu. Bis heute spielen Kinder auf der ganzen Welt die Weihnachtsgeschichte. Mal gekonnt, mal stockend. Mal freiwillig, mal gezwungenermaßen.

Dr. Stephan Holthaus
ist Prorektor
der Freien Theologischen Hochschule Gießen
Manchmal gibt es dabei auch Pannen. So war es auch mit Walter Bolling. Er war für das Krippenspiel der Zweitklässler eigentlich zu alt – und zu groß. 9 Jahre. Weil er langsam in seiner Bewegung und im Denken war, hatte man ihn, den immer so hilfsbereiten und gutmütigen Jungen, in der Schule zurückgestuft. Aber für den Wirt im Krippenspiel, der Maria und Josef zurückweisen sollte, war er genau richtig. Seine Gestalt würde der Weigerung, sie in der Herberge aufzunehmen, mehr Nachdruck verleihen.

So kam die Aufführung. Die Versammlung wartete gespannt auf die Kinder. Es kam der Augenblick, wo Maria und Josef vor die Herberge traten und anklopften. Walter öffnete die Tür der aufgebauten Kulisse und trat heraus. Mit kräftiger Stimme sprach er: „Die Herberge ist voll. Sucht euch einen anderen Platz.“ Alles lief nach Plan. Josef antwortete: „Herr, wir haben schon überall gesucht. Wir sind erschöpft. Meine Frau ist schwanger. Bitte nehmt uns auf!“ „Nein, geht fort“, rief Walter, allerdings schon mit etwas brüchiger Stimme.

Und dann geschah etwas, das nicht im Drehbuch stand. Als Maria und Josef sich gebeugt herumdrehten und langsam ihres Weges zogen, schossen plötzlich Tränen aus den Augen des so unbeholfenen und zu groß gewachsenen Jungen. Und dann wurde dieses Krippenspiel anders als alle bisherigen auf der Welt. „Bleibt hier, bleibt bitte hier“, rief Walter Bolling. „Ihr könnt mein Zimmer haben.“

Da hatte dieser gehandicapte Junge, dem eigentlich keiner irgendetwas zutraute, in seinem Herzen begriffen, worum es an Weihnachten wirklich geht. Er hatte intuitiv erfasst: Jesus will nicht nur in die große weite Welt kommen, sondern auch zu mir persönlich. Bei Weihnachten geht es darum, ihn in unser Leben einzulassen. Weihnachten macht nur Sinn, wenn wir sagen: „Jesus, ich brauche dich. Komm in mein Leben.“ Es ist die Wahrheit, die schon Angelus Silesius so ausdrückte: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, / Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“

Manche Besucher sagten, Walter Bolling habe das Krippenspiel verdorben. Viele andere aber meinten, es sei das weihnachtlichste Krippenspiel gewesen, das sie je gesehen hätten. Ich auch.

Dr. Stephan Holthaus

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